Jönköpings Posten, 23.8.1980
Auf meiner Rundreise zwischen vergessenen Dörfern der Provinz Jönköping habe ich [...] etwas südlich von Jönköping Halt gemacht: in Galtås [...].
Von Klevshult, an der Europastraße E4 gelegen, fährt man nur wenige Kilometer nach Westen – und schon befindet man sich jenseits der Gegenwart, jenseits der lärmenden [...] Autobahn. Es ist, als wäre ein Vorhang zwischen mir und der so genannten Zivilisation herabgesenkt worden, ein Vorhang aus dunklen Nadelwäldern. Und alles ist friedlich und ruhig, fast als ob ich in eine andere Welt eingetreten wäre, in eine längst vergangene Welt.
Der kleine Schotterweg schlängelt sich durch ein Stück smaragdgrünen Waldes. Und plötzlich ist man da, in einer sonnendurchfluteten, hellen und anmutigen ländlichen Umgebung. Die sanfte Hügellandschaft um den Weiler Galtås wird dominiert von eichen- und wachholderbewachsenen Anhöhen. Riesige Felsblöcke zeugen von den [...] gewaltsamen Geschehnissen, die in grauer Vorzeit dieses Stück Småland gestaltet haben.
In der hellen Mittagssonne liegt der Weiler Galtås in bezaubernder Schönheit; in Gottes dunkles Spätsommergrün wurden von Menschenhand Farbkleckse aus leuchtendstem Rot gesetzt: Wohnhäuser, Scheunen und Schuppen mit weißen Ecken, [...] geschmückt mit verschnörkelten Vorbauten, Balkonen und Altanen aus Holz. Die leuchtende Blumenpracht in den Gärten ist zu dieser Jahreszeit überwältigend.
Eine direkt neben dem Sträßchen liegende Scheune fällt sofort ins Auge. Das lange und ausladende Blechdach erinnert eher an den Skihang Holmenkollen in Oslo als an ein Scheunendach in Småland!

In Galtås lebten einmal ungefähr einhundert Menschen, zehn bis zwölf Bauernhöfe und zahlreiche Katen und Hüttchen befanden sich hier. [...] Galtås ist – trotz merklicher Abwanderung – keineswegs tot. Immer noch sind die schönen, alten Häuser bewohnt und immer noch wird der Boden bestellt. [...]
Eine viereckig gebaute Scheune aus vernarbtem, grauem Holz weckt unmittelbar mein Interesse. Meines Wissens hat diese Scheune eine Form, die dem typischen Baustil auf der Insel Visingsö im Vätternsee – und nicht demjenigen unserer Gegend – entspricht. [...]

Der Weiler Galtås ist alt, seinen Ursprung hatte er in vorgeschichtlicher Zeit: Mehrmals wurden Steinbeile in dem steinigen Boden gefunden, und direkt neben dem Weiler wurde ein Grab aus der Eisenzeit entdeckt. Der recht lustige Name [galt-ås = Eber-Hügel] spielt anscheinend auf die Tatsache an, dass in den großen Eichenwäldern, die hier in im Mittelalter wuchsen, Wildschweinrotten wühlten. Und früher gab es im Weiler eine Opferquelle, Bärenquelle genannt. Sie lag im Wald, in der Nähe der so genannten Grenadierkate.
Hin und wieder kriecht ein Traktor, wie eine riesige Hummel summend, über die umliegenden Felder; hier und dort ertönen die Hammerschläge einer Hausrenovation [...]; einige Autos rollen über den kleinen Schotterweg, der sich durch den Weiler windet.
Galtås ist keineswegs ein totes Dorf. Galtås lebt, wenn auch ein wenig vergessen. Und in Galtås schlägt der Puls der Zeit in seinem eigenen Takt, in einem um etliches ruhigeren Takt als demjenigen an der Autobahn jenseits des Waldes.
Obwohl noch Sommer ist, sinkt die Sonne jetzt bereits früher; es geht auf September zu. Man könnte meinen, die Sonnenstrahlen entfachten Feuer in den Wipfeln der Eichenhaine westlich des kleinen Dorfes. [...]
Nicht weit von hier schleicht sich Reineke Fuchs auf leisen Pfoten durch das hohe Gras, auf der Suche nach einem leckeren Abendmahl. Reineke Fuchs ist ausgehungert, er fletscht [...] die Zähne und hat sicher nichts gegen ein Lammkotelett einzuwenden ...

Meine häufigen Zusammentreffen mit Tieren wurden schon angezweifelt: Schwindelst Du? Keinesfalls: Wenn man kreuz und quer durch die Natur fährt und die Augen offen hält, so kann man sehr oft wilden Tieren begegnen. [...] Und – ob du es glaubst oder nicht – als ich in der Dämmerung durch den Wald hinunter Richtung Galtås Südhof fahre [...], steht ein stattlicher Elchbulle nicht weit weg auf einer Wiese und sieht mich ruhig an. [...]